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#0008: Wer Vulkanen danken sollte

Es steht nicht gut um die Katholische Kirche. Wenn der Allmächtige schon einen Vulkan auf Island bemühen muss, um den Vatikan aus der Schusslinie der Presse zu retten, dann haben wir wirklich fünf vor Zwölf. Aber nicht nur Papst Benedikt XVI. darf sich über die Asche über seinem Haupt freuen. Auch andere leidgeplagte Medienopfer haben ein paar Tage Ruhe verdient.

Die FDP und unser Bundes-Guido zum Beispiel können sicher sein, dass vorerst auch die letzte Überschrift von “spätrömischer Dekadenz” unter dem Pompeii-Getöse von Eyjafjallajökull verschüttet wird. Ist doch ironisch, dass man einem Dampfplauderer wie Westerwelle nur durch Feuer und Schwefel beikommt. Für die Zukunft wäre es sinnvoll, wenn diverse liberale Politiker auf ihren Manuskripten drei mal den Namen “Eyjafjallajökull” lesen müssten, bevor sie wieder spalterische Phrasen verbreiten. Gerade bei Pressekonferenzen sind solche Denkpausen höchst willkommen.

Die Schlagzeile, dass Georg Klein in Sachen Tanklaster-Angriff in Kunduz von der Bundesanwaltschaft entlastet worden ist, hat ebenfalls der beeindruckendere Feuerball verschluckt. Die zahlreichen Fragen bezüglich der Verantwortung und Möglichkeiten unserer Bundeswehr in Afghanistan sind ebenfalls im Rauch verschwunden. Noch mal Schwein gehabt… Krieg oder bewaffnete Aufbauhilfe… Das öffentliche Urteil vertagen wir erst einmal.

Und auch wenn die Weltwirtschaft durch den Stillstand auf den Flughäfen enorme Verluste beklagt: Tut doch gut zu wissen, dass solche Katastrophen nicht immer nur Menschengemacht sein müssen. So mancher Finanzjongleur wird sich freuen, dass zur Abwechslung mal Berge und Gletscher brennen und nicht Börsenkurse und Staatshaushalte. Das rückt Kreditkrise und Staatsbankrott in eine mildere Perspektive. Die Götter an der Wall Street werden den nächsten Tritt gegen’s Schienbein der Gesellschaft schon bombastischer inszenieren müssen. Ich empfehle Roland Emmerich einzuschalten.

Keinen Grund zur Dankbarkeit hatte das polnische Volk: Das Begräbnis von Polens verunglücktem Präsident Lech Kaczynski und seiner Frau verlief durch den Vulkanausbruch alles andere als gewünscht. Viele internationale Gäste mussten absagen. Wer mag schon durch Aschewolken zu einem Begräbnis fliegen, dessen Ursache selbst ein Flugzeugabsturz war. Ob sich die politische Elite nachträglich zum Grab bemüht, sobald sich der Rauch verzogen hat?

Ja, die Aschewolken werden bald verflogen sein und viele Probleme werden wieder nackend vor uns stehen. Gab es neulich nicht noch eine andere Naturkatastrophe, bei der wir den Opfern alle fleißig helfen wollten? Haiti oder so? In China hat übrigens auch gerade die Erde gebebt… Naja… Das hier geht schließlich UNS direkt an… Und spenden müssen wir hier zum Glück nichts. Diesmal sind WIR ja schließlich selbst die Opfer…

Und wer hat schon Lust, von Atommüll, Sozialpolitik, Jugendgewalt, Datenschutz, Arbeitsmarkt und Weltkonflikten zu berichten, solange man unzählige Wartehallen in Europas Flughäfen zeigen kann? Beinahe glaube ich, dass ich die Foyers sämtlicher europäischer Flughäfen anhand der Filmschnipsel aus Nachrichtenbeiträgen erkennen könnte. Vielleicht wäre das ja eine Idee für “Wetten Dass?”

Sollte ich gewinnen, wäre ich auch jemand, der Eyjafjallajökull auf Island danken müsste.

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